Der erste Tag


Nun galt es also. Würde ich sie je wiedersehen? Ich war der Meinung, dass das nur zwei Wochen oder vielleicht einen Monat dauert. Aber Jana war anderer Meinung.

„Wir werden uns wohl die nächste Zeit nicht mehr sehen“, sagte sie mir zum Abschied.

Ich ließ meine Kollegen im Büro zurück, ging in die Systemabteilung und holte mir meine homeoffice Ausstattung: ein Notebook, ein USB-Stick mit Schlüssel und eine Notebooktasche. Dazu gab es eine Umhängetasche, so dass ich den Rucksack eigentlich gar nicht gebraucht hätte.

Auf dem Weg zur U-Bahn überlegte ich, dass ja nun Zeit hätte noch dringende Sachen zu erledigen. Am Abend würde ich nicht in die Muckibude gehen können. Als Sport bliebe dann immer noch das Laufen, aber das Krafttraining hatte mir doch gutgetan.

Vielleicht doch noch beim Karstadt nach Hanteln suchen?

Das Regal mit den Hanteln und Gewichten schien mir früher voller gewesen zu sein. Mir fielen die Gymnastikhanteln aus Plastik auf. Davon gab es einige, aber nur bis zu drei oder vier Kilo.

Ein unscheinbarer Karton zeigte einen muskelbepackten, jungen Mann mit Bizeps und Kurzhantel. Es war nicht ganz leicht. In dem Set waren zwei kurzen Stangen, acht 1Kilo und vier 500g Metallscheiben. Zusammen wären das etwa sechs Kilo pro Hantel. Damit wäre eigentlich ein Anfang gemacht, aber die Langhantel, mit der ich in der Muckibude trainierte, hatte 25 Kg.

Das alles nach Hause tragen? Immerhin hatte ich den Rucksack dabei, den ich für den Laptop gar nicht brauchte. Diese Entschuldigung zog nicht.

Ich legte alles zurück und schaute mir die sonstigen Artikel an. Es gab welche mit Wasser zum Befüllen. Vielleicht wären die ja etwas. Eine Frau war auf dem Etikett abgebildet. Der Text sagte etwas von 2 Kilo.

Ein junger Mann näherte sich dem Regal. Er schien auch auf der Suche nach Trainingsgerät. Schnell nahm ich das Paket mit den Metallhanteln. Im Nachbarfach waren auch die passenden Erweiterungsscheiben á 2,5 Kg. Ich nahm vier mit.

Ich spürte das Gefühl etwas ergattert zu haben, und machte mich auf den Weg zur Straßenbahn. Es war schon eine Art workout mit den zwanzig Kilo auf dem Rücken. Aber da war noch etwas, was ich unbedingt tun sollte.

Friseur!

Die Friseure neben der Commerzbank hatten zu. Montags machten die Friseure immer Blau. Dann gab noch welche in der komischen Straße mit den Striplokalen. Es wäre ein Umweg von ein paar Metern, aber was sollte es.

Tatsächlich hatte der Laden auf. Zwar waren nicht die Mädchen da, sondern eher eine rusitkal-rundliche Frau.

Kaum sagte ich etwas vom beginnenden Lockdown, da legte sie schon los:

„Da sagen se was. Aber es ist ja noch schlimmer. Gehen se mal mit Problem in die Ambulanz! Da werden se Augen machen. Mein Sohn kam gestern Nachmittag nach Hause und hatte sich das Bein aufgeschnitten. Das musste ja irgendwie genäht werden oder so. Wir haben alles versucht, ihn in eine Ambulanz zu bekommen. Drei Krankenhäuser haben wir besucht, alle meinten da können sie sich nicht drum kümmern. Sie hätten Notfall.“

Ich meinte nur „wie echt jetzt“

„Die sind voll durchgedreht. Ein Bekannter von unserem Nachbarn hat sich dann darum gekümmert. War ja eigentlich nicht so schlimm, aber was bilden die sich ein …“

Das weitere Gezeter habe ich vergessen. Irgendwie schaffte sie die Frisur zu Ende, ich zahlte und schleppte meinen Rucksack zur Straßenbahn.

Es war der 16.te März 2020. Der erste Tag vom zweiwöchigen Lockdown.


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